Fachbuchhandlung und Antiquariat für Faksimiles

 

Geschichte und Technik des Faksimilierens (1) (2) (3) (4)
aus dem Katalog der Fachbuchhandlung A. Pfeiler: "2000 Jahre Buchmalerei"


Genügte es, die Idee des Faksimilierens lediglich danach zu bestimmen, ob eine Handschrift unter Berücksichtigung ihrer formalen Gegebenheiten mit allen vorhandenen technischen Möglichkeiten erstmals vervielfältigt wird, so müssten wir die Geschichte des Faksimiles dort ansetzen, wo auch unsere Druckgeschichte beginnt. Das Streben der ersten Drucker galt dem Versuch, alle formalen Eigenheiten des handschriftlichen Buches in unbeschränkt wiederholbarer Form festzuhalten. Dies trifft auf die Blockbücher zu, aber auch auf die ersten Drucke mit beweglichen Lettern. Um das gestalterische Element von Handschriften beizubehalten, wurden verschiedenste Formen von Buchstaben, Ligaturen und Abbreviaturen aus den vorliegenden Manuskripten übernommen. An die durch den Druck mögliche Vereinfachung dachte man zunächst noch gar nicht. Beinahe könnte man für die Inkunabelzeit von genauso vielen Schrifttypen wie denkbaren Schreibern sprechen. Auch finden wir in der Frühzeit unserer Druckgeschichte Bücher, welche die äußere Gestalt der Handschriften getreu wiedergeben, wie etwa Ausgaben des Speculum humanae salvationis oder des Liber de Laudibus Sanctae Crucis mit den Bildgedichten des Praeceptor Germaniae, Hrabanus Maurus, oder auch Drucke der Biblia Pauperum. Doch - und das unterscheidet alle diese Bestrebungen von dem, was wir heute unter einem "Faksimile" verstehen - im Vordergrund der Überlegungen stand damals nicht eine besondere, individuelle Handschrift aus einer der großen Bibliotheken, sondern stets nur der Buchtyp als solcher sowie dessen Inhalt. Bei der Druckwiedergabe des Liber de Laudibus Sanctae Crucis, um bei dem oben erwähnten Beispiel aus dem Jahre 1503 zu bleiben, sollte nicht eine bestimmte der in Fulda im 9. Jahrhundert entstandenen Handschriften zugänglich gemacht werden, sondern eben der Inhalt des Werks von Hrabanus Maurus, egal nach welchem Überlieferungsträger.

Von einem "Faksimile" im heutigen Sinn können wir erst von dem Zeitpunkt an sprechen, zu dem es um die Dokumentation eines ganz bestimmten Buches, eines Unikates, und um dessen Bewahrung und Erschließung ging. Wesentliche Ansätze dazu erkennen wir bereits im 17. Jahrhundert. So wollte etwa der französische Antiquar Nicolas-Claude Fabri de Peirese um 1620 alle Miniaturen der Cotton Genesis, die ja später durch einen Brand praktisch zerstört wurde, allein aufgrund der Bedeutung dieses einmaligen Manuskriptes veröffentlichen (was ihm allerdings nicht gelingen sollte). Der römische Antiquar Cassianus dal Pozzo wiederum initiierte 1642 eine Kupferstichausgabe der Miniaturen des Vergilius Vaficanus, die in der geplanten Form jedoch ebenfalls nie erschienen ist. Auch bei den Druckausgaben der Acta Sanctorum kam es im Verlaufe des 17. und 18. Jahrhunderts zu zahlreichen Versuchen, einige Handschriften und deren Bildschmuck hervorzuheben. So wurden im vierten Band aus dem Jahre 1701 beispielsweise sämtliche Miniaturen aus den berühmten Leges Palatinae Jakobs II. von Mallorca veröffentlicht.

Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang jedoch die Leidener Aratea, ein Kodex astronomischen Inhalts aus karolingischer Zeit. Der Druck des von Claudius Caesar Germanicus ins Lateinische übersetzten Textes, der im dritten vorchristlichen Jahrhundert von Aratos unter dem Titel Phainomena verfasst worden war, wurde von seinem Besitzer Hugo Grotius in die Wege geleitet. Wiewohl nicht im Originalformat, weist diese Ausgabe doch wesentliche Übereinstimmungen mit dem mittelalterlichen Original auf: Der "Umbruch", die Bild- und Textaufteilung entsprachen exakt der Vorlage. Für die Schrift wurde die Antiqua verwendet, die 39 Bilder wurden in Kupfer gestochen, auf Färb- und Goldreproduktion musste natürlich verzichtet werden.
Diese großartige Bilderhandschrift, die heute auch in einer modernen, das Gold getreu wiedergebenden Faksimile-Edition vorliegt, bot jedenfalls die früheste Gelegenheit, dem Imperativ fac simile gerecht zu werden.

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